Chatbot statt Teeküche: KI ersetzt häufig soziale Interaktion im Job
Drei von vier Beschäftigten, die regelmäßig KI verwenden, richten inzwischen auch solche Fragen an einen Chatbot, die sie zuvor einer Kollegin oder einem Kollegen gestellt hätten. Das ist das Ergebnis einer weltweiten Umfrage der US-Onlineplattform MyIQ. Die Befragung wurde mit etwa 22.500 Erwachsenen in den USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Europa, Lateinamerika, Südafrika, Singapur, Neuseeland und den Vereinigten Arabischen Emiraten durchgeführt.
Weniger spontane Gespräche
Wie die Autoren betonen, werde durch die Chatbots nicht die reguläre Zusammenarbeit der Teams beschränkt – vielmehr verringerten sich „die kleineren Austausche, die traditionell mit der täglichen Arbeit einhergehen: eine Annahme überprüfen, eine zweite Meinung einholen, fragen, wie ein Prozess funktioniert“ oder was andere von einer unvollendeten Idee hielten. Unter den Befragten gaben 59 Prozent an, dass sie Kollegen seltener um Zweitmeinungen bitten als vor dem Einsatz von KI. Weitere 48 Prozent erklärten, dass spontane Gespräche während des Arbeitstages seltener geworden waren.
Für Sarah Meyer, Geschäftsführerin von MyIQ, liegt die entscheidende Veränderung nicht darin, wer oder was nun die Antworten auf Fragen liefert: „KI entfernt nicht einfach eine Frage aus dem Posteingang eines Kollegen. Es beseitigt den Moment, in dem eine Person sieht, wie eine andere Person denkt. Diese fehlenden Austausche, die sich über eine Arbeitswoche wiederholen, können weniger Möglichkeiten bedeuten, Vertrauen aufzubauen, Urteilsvermögen zu teilen und innerhalb eines Teams bekannt zu werden“, schreibt sie in einer Mitteilung. Tatsächlich gaben 46 Prozent der Befragten an, dass sie jetzt weniger darüber wissen, wie die Menschen um sie herum denken oder Probleme angehen, weil sie weniger Gründe haben, um Hilfe zu bitten. Auch auf das Onboarding und für Berufseinsteiger könnte diese Entwicklung Folgen haben: Mehr als jeder Dritte (38 Prozent) gab an, dass es für Neueinsteiger schwieriger geworden sei, soziale Beziehungen aufzubauen, weil Routinetätigkeiten entfielen.
KI-Integration plus soziale Interaktion
Die positiven Effekte des KI-Einsatzes – 71 Prozent geben auch in dieser Untersuchung an, dass sie ihre Arbeit nun selbständiger erledigen können – stellen Unternehmen an anderer Stelle also vor neue Herausforderungen. Wie MyIQ schlussfolgert, habe der informelle Austausch – abseits klassischer Effizient-Messungen – in der Vergangenheit dabei geholfen, „sich gegenseitig zu interpretieren, informelles Wissen zu verbreiten und berufliches Vertrauen aufzubauen“. Im Zuge des verstärkten KI-Einsatzes müssen Unternehmen möglicherweise mehr auf die Formen des Lernens am Arbeitsplatz und der sozialen Verbindung achten.