KI-Einsatz untergräbt kognitive Fähigkeiten im Unternehmen
In einer globalen Umfrage unter 70 C-Level-Führungskräften beobachtete die Hälfte der Befragten den Verlust von Fähigkeiten von MitarbeiterInnen durch den KI-Einsatz in ihren Organisationen. Zudem glauben mehr als 60 Prozent, dass diese De-Qualifizierung innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre eine wesentliche Bedrohung für ihre Unternehmen darstellen könnten. Die Auswertung der Befragung mit dem Titel „When Everyone Uses AI, Companies Risk Losing Critical Skills“ hat das BCG-Institut, der Strategie-Think-Tank des Beratungsunternehmens Boston Consulting Group, veröffentlicht. Insbesondere Führungskräfte-Skills wie Urteilsvermögen und Entscheidungsfindung, Problemverständnis und kreatives Denken seien aufgrund des KI-Deskillings am meisten gefährdet.
Wie die AutorInnen schreiben, sei es wichtig, dass Führungskräfte die Art des KI-Einsatzes im Unternehmen überdenken und die Workflows so gestalten, dass dem Verlust der kognitiven Fähigkeiten der Beschäftigten entgegengewirkt werde. Die größte Gefahr bestehe dabei nicht durch den KI-Einsatz einzelner Mitarbeitender, problematisch sei vielmehr das, „was passiert, wenn die Erosion von Fähigkeiten gleichzeitig bei Hunderten oder Tausenden von Menschen in einem Unternehmen auftritt“, schreiben die AutorInnen und sprechen gar von „kollektiver Erosion menschlicher Fähigkeiten, die die organisatorische Intelligenz und Belastbarkeit im Laufe der Zeit untergräbt“. Dieses Phänomen sei kein Talentproblem, sondern ein „Systemdesign-Problem, das darin verwurzelt ist, wie das Unternehmen Governance, Arbeitsabläufe und Kultur rund um KI aufbaut“.
KI als der „Weise im Raum“
Der Verlust von Problemverständnis sei dabei das größte Problem. Die Analyse zitiert eine Führungskraft: „Ich habe gesehen, dass KI als der Weise im Raum verwendet wird, aber mit unzureichendem Input, kurzen Aufforderungen und nicht auf Unternehmensstrategie oder Unternehmenswerten basiert“. Dies führe zu high-level-formulierten Resultaten, aber letztendendes doch generischen Ergebnissen. Auch kreatives Denken und Lösungsfindung seien in Gefahr: Da KI scheinbar akzeptable Ideen effizient genug produziert, könnten die unabhängigen Ideenfindungsfähigkeiten der Mitarbeiter verkümmern. Mehrere Führungskräfte wiesen der BCG zufolge auf eine wachsende Tendenz von Teams hin, KI-generierte Analysen zu akzeptieren, ohne die zugrunde liegende Logik zu hinterfragen. Zudem rutschen Fehler und „blinde Flecken“ ungeprüft durch.
Weniger Denken, weniger Debatten
Schließlich leide auch das Kollektiv unter dem Verlust des individuellen Urteilsvermögens, wenn jeder im Team die gleichen Tools verwendet, die mit den selben Daten trainiert wurden. Die befragten Führungskräfte sehen bereits weniger konstruktive Debatten (zitiert von 43 % der Führungskräfte), weniger Denkvielfalt (zitiert von 49 % der Führungskräfte) und weniger Zusammenarbeit durch die Mitarbeiter (zitiert von 34 % der Führungskräfte). Auch dass KI-Tools Aufgaben übernähmen, die bislang Nachwuchskräfte erledigt hatten, etwa Rechercheaufgaben oder Fehlerbehebung, schwäche die Wissensbasis im Unternehmen. Der Nachwuchs verpasse so „prägende Wiederholungen“, die ihm in der Vergangenheit ein Urteilsvermögen angelernt hätten.
Obwohl die Probleme bewusst sind, reagieren die Unternehmen noch zögerlich auf die Anpassung ihrer internen Arbeitsorganisation und Personalentwicklung. Nur zehn Prozent der befragten Unternehmen hätten bereits eine gezielte Strategie gegen die De-Qualifizierung durch KI-Einsatz gestartet, schreiben die BCG-AutorInnen, in einem Drittel wurde das Thema noch gar nicht adressiert.
Strategien gegen die De-Qualifizierung
BCG selbst rät dazu, KI-Governance nicht nur als Verbots-Leitlinie zu verstehen, wie KI nicht zu nutzen sei, sondern als aktiven Ratgeber zum KI-Einsatz, einschließlich eines Verhaltens-Kodex und der Förderung des internen Austausches durch die Führungskräfte. Kernfrage sei die aktive Neugestaltung der Arbeitsvorgänge, einschließlich der Festlegung, welche Aufgaben durch KI erledigt werden sollten, und welche menschlich blieben. „Wenn Unternehmen ihre Arbeitsabläufe neu gestalten, muss die Widerstandsfähigkeit gegen die Erosion von Fähigkeiten neben Effizienz und Effektivität als explizites Designkriterium stehen, wobei Führungskräfte fragen: ‚In welche Arbeit sollten wir die Menschen einbeziehen und warum?'“.
Zudem sollten menschliche Fähigkeiten in den betriebsinternen Leistungssystemen stärker sichtbar gemacht werden, „Rituale“ zum Auffüllen bedrohter kognitiver Fähigkeiten eingeführt und MitarbeiterInnen dazu qualifiziert werden, KI in „nichtlinearer Weise“ (Frage-Antwort-Lösung) zu benutzen.